Lasst eure Kinder nicht im Stich

Persönliches

September 2009, der Sommer ist so gut wie vorbei. Er war wunderbar. Frei, sonnig und glücklich. Nach langer langer Zeit war da wieder ein langanhaltendes Glücksgefühl in meinem Bauch. Ein Ende der depressiven selbstverletzerischen Zeit meines anfänglichen Teenager-Daseins. Ich hatte mich da raus gekämpft, allein – und ich wollte leben, lachen, glücklich sein. Nur eine Sache stört; eine Sache, die ich nicht greifen kann, aber sie ist da. Das neue Schuljahr hat begonnen und ich bin schlagartig unglücklich. Irgendetwas stimmt hier nicht. Jetzt ist es September und ich sitze wie gelähmt auf meinem Schreibtischstuhl vor meinem uralten Röhrenbildschirm meines viel zu laut surrenden PCs aus der Urzeit, während die Abendsonne auf meine Füße scheint. Ich sitze da und fühle nichts. Ich weine nicht, ich sitze nur da. Ich rufe auf Rat (oder Anweisung) meines Vaters eine gute Freundin an, die direkt vorbei kommt. Ich soll darüber reden, sagt er. Aber ich will nicht reden. Was gibt es denn da zu reden? Was hab ICH denn schon zu sagen? Mama ist nicht da, Papa sitzt unten und weint und meine Schwester…keine Ahnung. Wir sind uns zu diesem Zeitpunkt nicht sonderlich nah. Aber ich weiß sie weint auch. Nur ich weine nicht, ich sitze da. Und alles kommt wieder hoch. Dieses Gefühl von damals, dieses Gefühl alleine zu sein, dieses Gefühl, dass niemand mich versteht. Der Kampf geht zwei Wochen, ein stiller Kampf. Meine Eltern streiten nicht, sie streiten nie. Nur deswegen sind wir jetzt da, wo wir sind.
Meine Mama kommt nach einigen Tagen nach Hause und will mit uns reden. Wir sitzen auf dem orangenen Sofa im Zimmer meiner Schwester. Was sie gesagt hat? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass sie gedanklich nicht bei uns war. So kalt, abwesend. Ich weiß, dass sie es nochmal versuchen wollen und ich weiß, dass mein Vater zwischendurch weg war. Geflohen zu Freunden, weil er es nicht mehr ausgehalten hat. Ich weiß noch, dass Mama ihn zurück geholt hat und er mit 22 Rosen nach Hause kam. Für jedes Jahr eine. Und ich weiß noch, dass drei Tage später die Rosen auf dem Komposthaufen lagen. Nur zwei, die hat er aufgehoben und mir und meiner Schwester eine geschenkt. Mama war weg. Der Kampf war vorbei. Die Beziehung war vorbei. Unsere Familie war vorbei.
Es ist Spätsommer, ein wirklich schöner Spätsommer. Ich bin viel mit meinem Papa unterwegs. Zu Zeiten in denen ich eigentlich in der Schule sein sollte. In die ich aber viel zu oft nicht gehe, weil ich einfach nicht mehr kann. Weil meine Schwester und mein Papa sich streiten und es in diesem Haus grau geworden ist. Eine Zeit in der ich oben in meinem Zimmer sitze und meinen Papa unten weinen höre, während It must have been Love oder Flugzeuge im Bauch von Herbert Grönemeyer auf voller Lautstärke läuft. Und ich kann nicht anders, als zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. Er möchte, dass ich gehe, weil er sagt, ich sei nicht für ihn verantwortlich und er kriegt das schon hin. Das weiß ich und doch ertrage ich es nicht ihn so zu sehen. Das weiß ich und doch habe ich das Gefühl, dass es nur noch uns zwei gibt. Ich rede nicht viel, außer mit ihm. Mit meiner Mama sowieso nicht. Sie kommt und holt ihre Sachen aus dem Haus. Ihr neuer Freund hilft ihr beim ausräumen und einladen, ich sitze in meinem Zimmer und würde am liebsten nach unten rennen und ihn anschreien. Ich platze vor Wut und Verzweiflung und sage doch nichts. Nicht einmal tschüss. Ich sage ebenfalls nichts, als ich ihm das erste Mal vor der neuen Wohnung meiner Mutter begegne und er mir die Hand hinstreckt. Ich gehe wortlos an ihm vorbei. Ich sitze in der noch leeren Wohnung und fühle mich fremd. Mein Papa macht sich Sorgen um mich und meldet mich bei einer Jugendpsychologin an. Sie ist wirklich gut, ich mag sie gern. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie wirklich tief in die Materie kommt, aber trotzdem hilft sie mir für eine gewisse Zeit. Sie hilft mir die Trennung ein Stück weit zu verarbeiten. Sie hilft mir, dass der nächste Sommer wieder schön werden kann. Sogar noch schöner, als der davor, denn jetzt ist da nichts mehr, das die Schönheit stört. Nichts Ungeklärtes. Die Sache ist klar. Sie ist nicht schön, aber klar. Ich weiß jetzt womit ich leben und arbeiten muss.
Mir ist es nicht bewusst, aber der Moment in dem ich stillschweigend auf meinem Schreibtischstuhl saß und nicht mehr wusste wo oben und unten ist, war der Moment in dem ich schlagartig erwachsen wurde. Nicht weil ich es wollte, sondern weil ich es musste. Weil ich von jetzt an viel allein war, weil ich von jetzt an nicht mehr nur die Tochter meiner Eltern war, sondern auch die Partnerin meines Papas. Wir waren jetzt nur noch zu zweit und wir waren ein Team. Nicht mehr in dem grauen Haus, das nach einer Familie schreit, die es nicht mehr gibt. Wir saßen jetzt in unserer neuen Küche mit sonnengelben Wänden, die mich bis zu dem Punkt begleiten sollte, an dem ich meine eigene Familie gründete. Die sonnengelbe Küche in der ich meinem Papa erzählte, dass er Opa wird und er unabhängig der ungünstigen Gegebenheiten in Freudentränen ausbrach. Die sonnengelbe Küche, die mein letztes zu Hause ist. Ein zu Hause, dass ich nie wieder sehen werde, denn in dieser Wohnung wohnen jetzt Fremde.

Ich lasse das alles revue passieren und fühle mich zurück. Ich fühle das alles hier noch einmal. Neun Jahre später wieder auf meinem Schreibtischstuhl, diesmal vor meinem Laptop mit Flachbildschirm, der keinen Mucks von sich gibt. Aber das Gefühl ist noch das gleiche.

Ich sehe mich heute um in meiner Umwelt und sehe so viele kleine Kinder mit Eltern, die nicht mehr zusammen sind und ich frage mich: Wie ertragen die das? Ich war fünfzehn Jahre alt, als meine Mutter uns verließ. Ich war alt genug um die Dinge zu verstehen, ich war in der Lage zu kommunizieren. Und obwohl ich theoretisch dazu in der Lage war, war ich es doch auch nicht. Ich fand keine Worte für dieses Gefühl und ich finde sie bis heute nicht. Wie geht es bitte kleinen Kindern damit? Wie soll ein vierjähriges Kind das verstehen, seine Gefühle in Worte packen, den Schmerz loswerden? Ich bin froh, wenn ich aus meiner Tochter eine glaubwürdige Geschichte über das heutige Mittagessen im Kindergarten herausbekomme. Ihre Gefühle? Keine Chance. Ich sehe all diese Kinder, die damit aufwachsen müssen, nur weil Mama und Papa aufgegeben haben, weil es gerade mal nicht so lief oder weil die hübsche Sekretärin heute irgendwie besser aussah, als die gestresste Frau zu Hause. All die Kinder, die sich an neue Partner gewöhnen müssen, die dann vielleicht nach ein zwei Jahren auch wieder gehen. All die Kinder, die immer auf der Reise sind, weil sie heute hier und morgen dort zu Hause sind. All die Kinder für die das ganz normal ist und die gar nicht wissen, was das mit ihnen gemacht hat und was ihnen eigentlich fehlt. Ich weiß es, denn ich weiß, wie es vorher war. Und nur weil Kinder anpassungsfähig sind, heißt das nicht, dass es sie nicht belastet. Eltern sind die Basis; die Familie ist der geschützte Raum in dem Kinder sich frei entfalten können. Wie soll es ihnen schon gehen, wenn man ihnen all ihre Sicherheit nimmt? Meine Tochter wurde damit geboren, dass ihr Vater sich von ihr abgewandt hat. Gleichzeitig wurde sie geboren in Anwesenheit eines Mannes, den sie heute Papa nennt. Sie hat Mama und Papa an einem Fleck und doch merkt man selbst bei ihr, die es nicht anders kennt, die ihren Papa ganz abgöttisch liebt, dass das Band zwischen uns stärker ist und dass sie weniger Urvertrauen besitzt, als ihre kleine Schwester das tut.
Gefühlt battlen die Eltern sich darum, wer die beste Erziehungsmethode, das größte Kinderzimmer und den einen freien Platz im Kinderturnen ergattert hat, während sie zu Hause sitzen und ihren Partner nicht mehr kennen. Die Kunst liegt darin den Mittelweg zu finden. Kinder sind wichtig und nehmen viel von uns ein, aber sie sind nicht alles. Und eine Beziehung verändert sich mit Kindern, darüber braucht niemand diskutieren. Aber eine harmonische Beziehung ist auch eine harmonische Familie und das ist alles, was ein Kind braucht. Wenn ich mit meinen Kindern lachend auf dem Fußboden toben kann, was brauchen wir da noch?

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2 Gedanken zu “Lasst eure Kinder nicht im Stich

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